Erweiterungen und Besonderheiten

Erweiterungen

Mit zunehmenden Ansprüchen möchte man das Haus erweitern. Am leichtesten lassen sich sowohl an der Giebel- wie an der Traufseite Lauben («loggia »‚ «lobbia ») anbringen, wo man allerhand trocknen und aufbewahren kann. Alle Varianten lassen sich finden, vom einfachsten, wackelnden Balkengerüst, das jeden Augenblick durchzubrechen droht, bis zu den wohlausgebauten und sorgfältig gestützten Lauben, die nicht selten völlig eingewandet sind, so dass Gänge, Abstellplätze (oder gar bewohnbare Räume entstehen. Auch hier begegnen wir einer Menge reizvoller Einzelheiten. Da ragen hölzerne, dort massive Träger aus der Wand, hier werden die oberen Lauben durch schlanke Steinsäulen oder massive Pfeiler gestützt, dort finden wir hölzerne Stützen (vor allem im Maggiagebiet) mit eleganten, kerbschnittverzierten Kapitellen. Doch Lauben ermöglichen nur geringfügige Gewinne; wirkliche Erweiterungen oder zusätzliche Räume müssen auf anderen Wegen erreicht werden. Die meist fast quadratischen Grundrisse sind in ihrer Grösse so bescheiden, dass eine nachträgliche Unterteilung (Division) kaum etwas nützt. Eher lassen sich oblonge Räume durch eine Wand unterteilen, so dass sie von einer Wohnküche eine Kammer oder gar eine Stube (Tessintal) abtrennt. Oft werden Häuser in der Firstrichtung verlängert oder mit Anbauten versehen, die traufseitig unter das heruntergezogene Dach genommen werden.

Baugefüge20

(20) Baugefüge und Einteilung eines vierräumigen Doppelhauses, Sonogno TI, 1840

Viel häufiger werden aber zwei solche turmartigen Baukörper nebeneinander-gestellt und etwa durch ein gemeinsames Treppenhaus verbunden, das im Prinzip aus der vorgebauten Laube hervorging. Damit ergeben sich Häuser, die in jedem Geschoss mehrere Räume enthalten, die aber ihre Herkunft aus der vertikalen Raumordnung nicht verleugnen können. Natürlich werden auch von zwei Familien bewohnte Häuser durch einfache Verdoppelung errichtet. Sie können eine ganz respektable Grösse erreichen und präsentieren im Dorfbild entsprechend. Die wechselnde Benutzung der Räume zeigt sich auch darin, dass nicht selten anstelle eines Kellers ein Stall eingerichtet wird. Bei kleinem Viehbestand, den die Bauern besitzen, ist der Raum genügend gross, das Heu wird im Dachraum oder in einem benachbarten Heustall gelagert. Damit haben wir eigentlich «gestelzte» Bauten vor uns; sie gehören bereits zu den sekundären Vielzweckbauten, wie wir ihnen auch anderswo in unserem Land begegnen. Die Proportionen und die übrige Raumordnung bleiben weitgehend erhalten, was auch wieder zeigt, dass es sich um nachträgliche Anpassungen handelt. Sogar zur Bildung von wirklichen sekundären Vielzweckbauten kann es in diesem Gebiet kommen. Es sind allerdings nur wenige Beispiele zu finden, wo Wohn- und Wirtschaftsbauten zusammenstossen oder zusammengebaut werden. Meist lassen sich Baufugen, verschieden alte Mauern und ungleiche Baukörper leicht feststellen und lässt sich beweisen, dass wir uns in einem Gebiet mit ursprünglich völlig getrennten Bauten befinden.

Doppelhaus23 Doppelhaus mit Treppenhaus24

(23) Doppelhaus mit erweitertem Grundriss und Quergang, Comologno TI

(24) Doppelhaus mit in den Grundriss einbezogenem Treppenhaus (Unterteilung später), unter dem Wohngeschoss Ställe und Keller (gestelztes Haus, Vielzweckbau, Borgnone TI 1873

Ebenfalls aus der vertikalen Raumordnung herausgewachsen sind die sogenannten «Vorlaubenhäuser». Vor den eigentlichen Baukörper, der meist dem dreiräumigen Haus (Keller-Küche-Dachraum) entspricht, ist auf der einen Giebelseite noch ein Vorraum gestellt, der ein- oder beidseitig vorgezogene Wände hat, während das Dach in einer Flucht darüber hinwegzieht. Wie diese Antenhäuser entstanden sind, welche Stellung sie innerhalb des Baubestandes einnehmen und welche weitere Verbreitung sie in den Südalpen haben, muss erst noch abgeklärt werden. Es gäbe noch manche Einzelheit zu besprechen, es sei nur auf die Lage der Feuerstellen und die Entwicklung der Rauchfänge und Kamine hingewiesen. Wir müssen jedoch abbrechen und überlassen es dem Leser, auf Ferienfahrten weitere Entdeckungen zu machen.

Feuerhaus14 Feuerstelle15

(14) Einräumiges Feuerhaus neben Heustall, Mergoscia TI
(15) Offene, mitten im Raum gelegene, etwas vertiefte Feuerstelle in einem Wohnhaus, Brione Verzasca TI,1780

Brione16 Lavertezzo17

(16) Turmartiges Haus mit charakteristischen Aussentreppen, heute Stall-Kammer/Backofen-Kammer-Dachraum, Lavertezzo TI,1814
(17) Turmartiges vierräumiges Haus, Brione Verzasca TI

Dorfbild19 Doppelhaus21

(19) Dorfbild, im Mittelgrund ein Haus mit trauf- und giebelseitigen Lauben, teilweise eingewandet, Mergoscia TI
(21) Doppelhaus mit traufseitiger Laube, Brione Verzasca TI, 1706

Doppelhaus mit Laube Wohnhaus mit Vorlaube22+25

(22) Doppelhaus mit seitlich eingewandeter Laube und Arkaden, Someo TI
(25) Wohnhaus mit Vorlaube, Avegno TI

Besonderheiten

Bescheiden und wenig auffällig, wie sich das Leben der Bergbewohner früher abspielte, sind auch die Häuser. Die grauen Mauern und die schweren Plattendächer fügen sich völlig in die felsigen Hänge oder verschwinden im dichten Gewirr der Buschwälder. Aber wenn man die Siedlungen genauer untersucht, sich die Mühe nimmt, die Häuser einzeln zu betrachten, fallen einem die vielen hübschen Einzelheiten auf, Jahrzahlen (bis ins 15. Jahrhundert zurück), kleine Malereien, Fresken und Sgraffitos, z. T. ex voto gestiftet, Verzierungen an Laubenpfosten, seltsame Türniegel oder besonders die leuchtendweissen Putzumrahmungen (in collarino») der Fenster: Zierform oder Schutz vor ungebetenen Nagetieren? Auf die gegen das Tal vorspringende Ecke des Firsts wird als Krönung der Arbeit ein Stein gestellt (il cucù»). Auch dieser Zippus lässt manche Frage auftauchen.

Waschhaus27

(27) Waschhaus mit Pyramidendach und prächtigem Zippus (cucù), Berzona TI
Besonders die südlichen Dörfer des Verzascatals sind gekennzeichnet durch die offenen Giebelräume der Häuser, die wie schwarze Dreiecke ins Tal blicken. Auch im Locarnese, im unteren Maggiatal und am Rand der Magadinoebene begegnen wir den offenen Giebeln, wenn auch weniger häufig.

Turmartiges Wohnhaus26 Dorfstrasse28

(26) Turmartiges Wohnhaus mit verputzten Fensterleibungen, Mergoscia TI(28) Dorfstrasse, Corippo TI

Urheberrecht der Texte bei Dr. Max Gschwend, „Bauernhäuser der Schweiz“ © 1988, Schweizer Baudokumentation

 

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Publiziert mit freundlicher Genehmigung von Herrn Thomas Züttel, Leiter Redaktion Schweizer Baudokumentation und Dr. Benno Furrer, Wissenschaftlicher Leiter Schweizerische Bauernhausforschung

Nachruf von Herrn Dr. Benno Furrer:
„HAUSFORSCHER, GEOGRAPH UND BERGSTEIGER“
In Erinnerung an Max Gschwend (13. Juli 1916 – 29. Dezember 2015)

Schweizer Baudokumentation

Schweizerische Bauernhausforschung

Max Gschwend
Die Bauernhäuser des Kantons Tessin – La casa rurale nel Canton Ticino
Band 1, Der Hausbau
(Die Bauernhäuser der Schweiz, Band 4)
Basel 1976, Vergriffen, sold out, épuisé

Max Gschwend
Die Bauernhäuser des Kantons Tessin – La casa rurale nel Canton Ticino
Band 2, Hausformen, Siedlungen
(Die Bauernhäuser der Schweiz, Band 5)
Basel 1982, 384 Seiten, 952 Abbildungen, 2 Farbtafeln, 1 Faltkarte. Leinen.
CHF 50.- ISBN 3-908121-45-0
Bestellung: sgv-sstp@volkskunde.ch

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