Kurt Hutterli’s Centovalli

Vor bald 55 Jahren schrieb der Schweizer Schriftsteller Kurt Hutterli die Erzählung „Tal der hundert Täler“, die 1973 in einer überarbeiteten Ausgabe im Rahmen der Schweizer Heimatbücher beim Verlag Paul Haupt Bern unter dem Titel „Die Centovalli“ erschien.
ISBN 3-258-01636-4

Das etwas mehr als hundert Seiten starke – leider längst vergriffene – Büchlein ist eine faszinierende Quelle von Zitaten, Notizen und Materialien aus den Centovalli, die bis ins 16. Jahrhundert zurück reichen – vom Autor mit Fotografien reich bebildert.

So wird z.B. Karl Viktor von Bonstetten zitiert, der mit der dänischen Dichterin Friederike Brun 1795 durch die Täler ritt: „Kein teutsches Schweizerschwein würde in einige dieser Menschenwohnungen gehen.“ Und Friederike Brun selbst dazu: „…Uns gegenüber, auf einem hohen und vergrösserten Wiesenplane, liegt das Dörfchen Rasa. Diese Dörfer sind elende Steinnester, von armen, halbverhungerten Menschen bewohnt, und diese prächtigen Alpenwiesen nur selten beweidet…“

Von Stefano Franscini wird 1835 zitiert:“ … Wenig fruchtbar und durch die ungünstige Lage und die Schlechtigkeit der Wege ohne Verkehr, ist diese Thal eines der ärmsten des Cantons… An den langen Winterabenden sind die Weiber, welchen stets soviel Arbeit obliegt, fast einzig beschäftigt. Sie spinnen Hanf, Flachs, Wolle, bereiten Leinwand und Anderes für das Haus. Der Mann plaudert oder schlummert; selten arbeitet er…“

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In seinen eigenen Notizen schreibt Kurt Hutterli: „Centovalli – der Name ist berechtigt. Zählt man auf 1000m Höhe die Bäche und Einschnitte (Landeskarte 1:25‘000) kommt man auf die Zahl 178.“ Manche seiner Notizen sind sehr poetisch verfasst, wie folgender etwas längere Textauszug: „Corticello, Maia, Renalo, Remo, Ögna, Cort Antico – Weiler, die zerfallen, Kapellen, die einstürzen, Gässchen unter Brombeerstauden, Terrassen im Buchenwald, an kranken Ästen geschrumpfte Kastanien, hohle Nüsse. Vergessene Weiler mit vergessener Geschichte; überall alte Erde: verwahrlost, verlottert, verwildert. Häuser im Ginster: Gelb flammen sie auf, knistern im Sommer mit schwarzgedörrten Schoten, glühen, gehören Echsen und Schlangen. Im Herbst sind sie die herbstlichsten Häuser, die ich kenne. Hier welken die Stauden, die Bäume, die Dächer und Mauern, hier fallen Blätter, Platten und Blöcke und füllen die Gässchen. Hier bröckeln Rinde und Mörtel, und Äste, Sparren, Türen, Decken und Böden faulen. Verlorene Weiler an verlorenen Wegen: im Winter alte Schlangenhaut, abgestreift zwischen Ginsterbesen, grau, offen, leer.“

Wunderschön geschrieben, findest Du nicht auch?

 Kurt Hutterli (18. August 1944, von Bern) ist kanadisch-schweizerischer Doppelbürger mit einer Affinität zu den Centovalli. Er schrieb auch den Roman „Das Centovalli-Brautgeschenk – Im Waldgut, Frauenfeld 2004“

Extremer Frühling im Centovalli

Hohe Temperaturen, kaum Niederschlag und zum Schluss wieder kalt. Der Klimawandel zeigt seine Krallen mit immer extremeren Wettersituationen auch im Centovalli. Waldbrände bei grosser Trockenheit und orkanartigen Winden sind dabei die grösste Gefahr für das bewaldete Tal. Die schönen Seiten des Frühlings mit seinem satten, leuchtenden Grün in den Wäldern lassen sich am besten mit Wanderungen auf den beiden Talseiten erleben. Für die Gipfel ist es noch zu früh, auf den Nordseiten liegt noch reichlich Schnee.

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Rettungsmission im Centovalli

Die Trockenperiode im Tessin endete – zumindest für den Moment – am 25. April 2017 und forderte von der Feuerwehr engagierten Einsatz vor Ort, mit Löschflugzeugen und Super-Pumas. Es brannte auf allen Seiten des Tals, befeuert durch orkanartige Winde. Bereits im Februar wüteten Waldbrände im Valle Vigezzo und führten zur temporären Schliessung der Grenze in Camedo.

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Auch Unfälle in den unwegsamen Centovalli führen oft zu gefährlichen Rettungseinsätzen an Orten, die den REGA-Helikoptern keinen Landeplatz ermöglichen. Beim gefilmten REGA-Einsatz vom 23. April 2017 musste der Verletzte in Begleitung seines Arztes erst auf die andere Talseite geflogen werden, um die Bergung in den Helikopter zu ermöglichen.

Zu diesem Thema zeigt ein Beitrag des Schweizer Fernsehens aus dem Jahr 2009 die Arbeit des Onsernoner Talarztes Beppe Savary. In den Tälern des Sopraceneri wird er in seiner Art und mit seiner Fachkompetenz äusserst hoch geschätzt.

Osteria Grütli in Camedo neu eröffnet

In Camedo, kurz vor der Grenze nach Italien am Ende der schweizerischen Centovalli, findest Du eine kleine, aber feine Osteria, welche im April 2017 neu eröffnet hat.

Giona und Elisa verwöhnen Dich mit allerlei Tessiner Spezialitäten wie Gnocchi, Ravioli, Risotto, Formaggi, Polenta, Caprese, Torta di pane und vielem mehr. Dazu ein Birra artigianali oder ein Merlot…

Günstige Zimmer gibt’s dazu, wenn Du mit dem Auto nicht mehr fahren möchtest oder darfst. Schau Dir die Website mit den Öffnungszeiten an. Reservieren ist empfehlenswert. Z.B. per Mail an: info@osteria-grutli.ch

Und schreib uns einen Kommentar in den Blog, wie es Dir geschmeckt hat!

Die Legende des Palazzo Tondü

Die Legende um den verfallenen Palazzo Tondü in Lionza führt ins frühe 17. Jahrhundert und erzählt die Geschichte der „fratelli neri„. Eine Geschichte, die beispielhaft für das damalige Leben und die Armut in den Centovalli und Tälern des Locarnese steht.

Das Museo regionale Centovalli e Pedemonte eröffnet am Freitag, 7. April 2017 um 18 Uhr die neue Saison mit einer Fotoausstellung zum Palazzo Tondü. Hier kannst Du einen Beitrag von Giovanni Medolago vom 6. Juni 2017 zur Ausstellung lesen.

Als Mitglied der „Amici Museo Centovalli e Pedemonte“ erhältst Du für 50 CHF pro Jahr stets alle aktuellen Informationen rund um das Museum.

Die Stiftung Fondazione Casa Tondü wurde 1984 gegründet. Ihr Ziel ist es, „dem Palazzo Tondü, seinen einstigen Glanz zurückzugeben und ihm eine Zukunft zu sichern“. Den Ortsbürgern, welche den Palazz, wie sie ihn liebevoll nennen, seit 1784 gemeinsam besassen und nutzten, fehlten die Mittel um ihn zu erhalten. Möchtest Du Gönner werden?

Ausserdem wird es am 12. Mai 2017 um 18.30 Uhr in der Biblioteca cantonale in Bellinzona  einen Vortrag/Konferenz zum Palazzo und seiner möglichen Restaurierung geben.

Vielen Dank an Volker Crayen, Architekt aus Bielefeld und Nachbar des Palazz in Lionza, für die interessanten und aktuellen Hinweise!

Das waren noch Zeiten…

… als der Migros-Verkaufswagen durchs Centovalli fuhr und seine treuen Kunden bediente. Auf den engen Strassen und Plätzen blieb für das riesige Gefährt kaum Platz zum Wenden. Die Migros-Wagen gehören in die Gründungsgeschichte von Gottlieb Duttweiler’s Genossenschaft und kurvten seit 1925 – damals noch mit Ford T-Verkaufswagen – durch die Schweiz. Mit zunehmender Mobilität der Talbevölkerung warteten immer weniger Leute den wöchentlichen Besuch der Migros ab. Schweizweit wurden die letzten Fahrten 2007 eingestellt.

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Die Bilder  aus dem Jahr 2002 stammen vom Fotografen Hans Kern, der seit über dreissig Jahren – zumindest zeitweilig – im Centovalli wohnt.